Archive of Possible Lives
Was geschieht, wenn künstliche Intelligenz die Narrative unseres Lebens fortschreibt?
Archive of Possible Lives ist ein künstlerisches Forschungsprojekt an der Schnittstelle von künstlicher Intelligenz, Biografie und sozialer Imagination. Es sammelt nicht die Vergangenheit, sondern das Mögliche: alternative Biografien, ungelebte Entscheidungen und Abzweigungen, die ein Leben hätte nehmen können.
In einer Gegenwart, in der generative Systeme zunehmend Texte, Bilder und Selbstbeschreibungen hervorbringen, fragt die Arbeit nach ihrer Macht über unsere Vorstellung von Identität. KI beschreibt die Welt nicht über Wahrheiten, sondern über Wahrscheinlichkeiten. Was plausibel klingt, kann beginnen, wie Erinnerung zu wirken.
Die Installation macht diese Verschiebung körperlich erfahrbar. Jede mögliche Vita ist weder wahr noch falsch. Sie ist eine begehbare Hypothese darüber, wer wir gewesen sein könnten. Das Sprachmodell läuft lokal und autonom innerhalb der Installation: Die möglichen Biografien entstehen im Archiv selbst, nicht auf einem entfernten Server.
Mehr über das Archiv
Künstlerische, technologische und philosophische Hintergründe zum Werk
Essay lesen →Ein Leben, sechs Fragmente
Nach der Eingabe eines Namens oder Alias beginnt die Tour durch sechs Schubladen. Das Archiv ist nicht mit dem Internet verbunden und greift auf keine persönlichen Informationen zu. Es kennt lediglich den Namen oder Alias, den der Besucher zu Beginn selbst eingibt.
Jede Schublade öffnet ein neues, von einem lokalen Sprachmodell erzeugtes Fragment einer möglichen Biografie – eine Erinnerung an etwas, das nie geschehen ist, eine Spur eines Lebens, das das eigene hätte sein können.
Schritt für Schritt entsteht ein persönliches Archiv ungelebter Möglichkeiten. Das Sprachmodell weiß nichts über den Besucher und kann dennoch Texte erzeugen, die sich persönlich, stimmig oder überraschend vertraut anfühlen. Es wird zum spekulativen Gegenüber und bringt innerhalb der künstlerisch gesetzten Struktur mögliche Lebensgeschichten hervor.
Archive of Possible Lives hinterfragt, was geschieht, wenn KI beginnt, die Narrative unseres Lebens fortzuschreiben, ohne uns tatsächlich zu kennen: Welche Geschichten entstehen aus statistischen Mustern? Welche Möglichkeiten eröffnet sie, welche wiederholt oder begrenzt sie – und wie verändert sich unser Selbstbild, wenn eine Maschine erzählt, wer wir gewesen sein könnten?
Am Ende entnehmen die Besucher einer tiefen Karteibox eine letzte Karte. Darauf steht: „The truth is within you.“ Der Satz setzt der Erzählung der Maschine keine letzte Gewissheit entgegen. Er öffnet vielmehr eine doppelte Prüfung des Wahrheitsbegriffs. Denn KI kann plausible Zusammenhänge erzeugen und zugleich faktisch irren; sie kann mit großer Bestimmtheit behaupten, was nie geschehen ist. Zugleich richtet die Karte die Frage an die eigene Wahrnehmung zurück: Was an der erzählten Biografie erkenne ich als stimmig, was als Projektion – und was als falsch? Wahrheit erscheint hier weder als bloße Tatsache noch als rein inneres Gefühl. Sie muss im Spannungsfeld zwischen maschineller Behauptung, gelebter Erfahrung und kritischer Selbstprüfung immer wieder neu verhandelt werden.
KI schreibt unsere Biografie – wer könnten wir durch diese Erzählung werden?
Die Erzählmaschine hinter dem Archiv
Die sichtbare Ordnung der Schubladen verbirgt ein vernetztes System aus Sensoren, Thermodruckern und einem lokal und eigenständig laufenden Sprachmodell. Öffnet ein Besucher eine Schublade, registriert das System die Bewegung, setzt die biografische Erzählung fort und druckt das nächste Fragment unmittelbar vor Ort. Die Erzählung entsteht damit innerhalb der materiellen Struktur des Archivs – nicht in einer entfernten Cloud.
Von Wahrheit zu Wahrscheinlichkeit
Die Installation behandelt künstliche Intelligenz nicht als Werkzeug, sondern als Medium. Sie übersetzt abstrakte Prozesse der Wahrscheinlichkeitsberechnung in eine physische und sinnliche Erfahrung. Identität erscheint nicht als feste Biografie, sondern als Raum von Varianten.
Das Sprachmodell ist kein unsichtbarer Dienst außerhalb des Kunstwerks, sondern Teil seiner materiellen Konstruktion. Es läuft lokal auf einem Rechner innerhalb der Installation und ist mit Sensoren, Schubladen und Druckern zu einer eigenständigen Erzählmaschine verbunden. Rechenprozess, räumliche Bewegung und gedrucktes Fragment bilden einen einzigen Vorgang.
Ein Sprachmodell kann Fragmente an unterschiedliche Sprachen und kulturelle Kontexte anpassen. Es kann auf lokale Orte, Alltagsroutinen, soziale Normen und Erzählstrukturen verweisen, ohne sie erklärend zu benennen. Das Ergebnis sind plausible Variationen innerhalb eines Kontextfeldes.
So wird das Archiv zu einem künstlerischen Experiment und sozialen Labor: Es zeigt, wie überzeugend algorithmische Erzählungen wirken können – und macht verhandelbar, wer künftig an unseren Biografien mitschreibt.